" Das Merkmal unserer Zeit und Kultur ist die Schnelligkeit.

Angetrieben wird diese Schnelligkeitseuphorie von der großen Leistungskraft der Maschinen, die in den Bereichen der Produktion, Kommunikation und Fortbewegung alle Vorgänge der Zivilisation enorm beschleunigen, sodass wir die Grenzen von Raum und Zeit kaum mehr bemerken. Wir können mit Autos, Zügen und Flugzeugen, in denen unsere "langsamen" Körper gemütlich sitzen, die ganze Welt kurzfristig erreichen. Und mittels der Computertechnologie können wir in einem Sekundenbruchteil einen Datenaustausch rund um die Welt generieren.

So wird die Schnelligkeit zur Gewohnheit und prägt unseren Lebensstil und unser Handeln. Wir werden ungeduldig, wenn wir Wartezeiten hinnehmen müssen. Wir haben längst begonnen, das Paradigma der Schnelligkeit mehr und mehr als unhinterfragten Wert zu akzeptieren, und übertragen ihn auf Bereiche, wo Schnelligkeit eigentlich nicht hingehört. Nahrungsmittel sollen immer schneller und in größeren Mengen hergestellt werden, dabei werden die natürlichen Reifungsprozesse zum Teil ignoriert und die biologischen Grenzen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln der Züchtung und Gentechnik expandiert. Zudem werden unbedacht Ressourcen genutzt, um saisonunabhängig alles allen jederzeit verfügbar zu machen.

In den Bereichen Erziehung und Bildung verhält es sich ähnlich. In den vergangenen Jahren sind infolge von "PISA" und "Bologna" große Umbrüche eingetreten, die nach dem Vorbild der Ökonomie zu einer Effizienzsteigerung des Bildungsoutputs führen sollen. Der damit einhergehende Stress für Kinder, Eltern und Lehrer wird vielfach beklagt. Und auch wenn es am Ende nur auf ein flaches Halbwissen hinausläuft, so wird doch das Ziel, immer mehr in immer kürzeren Zeiträumen zu lernen, ungemindert verfolgt. Auch der scheinbar autonom zur Verfügung stehende Bereich der Freizeitgestaltung unterliegt aufgrund der medialen Überflutung und der lockenden Werbungsversprechen der Freizeitindustrie der Herausforderung, eine Aktivität oder Reise oder irgendwie geartete Unterhaltungssequenz an die nächste anzuschließen. Begriffe wie Muße und Müßiggang werden dann schon eher mit Langeweile assoziiert und können kaum einen Eigenwert für sich beanspruchen. So dominiert die Schnelligkeitsfaszination unser gesamtes Alltagsleben.

Dabei wird allenthalben vergessen, dass das Schnellste, was uns jederzeit und allerorten zur Verfügung steht, unser Denken ist. Allein dieses gewährleistet, dass wir die Dinge der Welt unmittelbar zu erkennen und zuzuordnen in der Lage sind.

Das Denken ist es, das unserem Dasein die Kontinuität unseres raum-zeitlichen Bewusstseins gibt.

Inzwischen ist allerdings der technologische Fortschritt so weit gediehen, dass die rein mechanische Seite des Denkens durch Computer kopiert und im Hinblick auf die Schnelligkeit sogar überstiegen werden kann. Daneben existieren viele andere Denkleistungen, die von keiner Maschine auch nur annähernd erreicht werden können: Das Denken vermittelt uns unsere Bewußtseinsidentität, es versorgt uns mit Einfällen und Intuitionen, und es bildet immerwährend Urteile, die uns in unserem Verhältnis zur Welt sinnhaft positionieren.

Solche Werturteile, auch wenn sie scheinbar schnell im Alltag gebildet werden, benötigen ihrerseits eine lange biografische Reifezeit. Denn es ist die gesammelte Lebenserfahrung, die in den gewachsenen Urteilen eines Menschen zum Tragen kommt. Je mehr Reifung hier möglich gewesen ist, und je weniger wir uns zu schnellen "Vor"-Urteilen hinreißen lassen, umso mehr wird den Urteilen die Weisheit unserer Lebenserfahrungen zuteil. Hier geht es eben nicht um Schnelligkeit, sondern darum, dass wir uns ausdauernd und geduldig mit den Welterscheinungen verbinden, dass wir sie von verschiedenen Seiten betrachten und abwarten, in welchem Lichte sie sich selbst zeigen. Dies führt zu einer Erkenntnis der Dinge, die sich der schnellen Subjektverfügung entzieht."

 

Prof. Dr. Jost Schieren (2013)